Beobachtung und Dokumentation

Eis„Es gab einmal eine Zeit, da hatten die Tiere einen Kindergarten. Das Bildungsprogramm bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in allen Fächern ausgebildet. Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als die Erzieher. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Bereich so schlecht war, musste sie immer wieder rennen, um das Rennen zu üben und durfte nicht mit zum Schwimmen gehen. Das tat sie so lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittlich war aber akzeptabel, daher machte sich niemand Gedanken darüber – nur die Ente. Das Kaninchen war zuerst im Laufen an der Spitze der Gruppe, aber es bekam einen Nervenzusammenbruch und musste vom Kindergarten abgemeldet werden – wegen der vielen Förderstunden im Schwimmen. Das Eichhörnchen war Bester im Klettern, aber die Erzieherin ließ die Flugstunden des Eichhörnchens am Boden beginnen statt im Baumwipfel. Das Eichhörnchen bekam Muskelkater durch Überanstrengung bei den Startübungen und wurde immer schlechter im Rennen und Klettern. Die mit Sinn fürs Praktische begabten Präriehunde gaben ihre Jungen zum Dachs in die Gruppe, als es die Bildungskommission ablehnte, das Buddeln in die Bildungsvereinbarungen aufzunehmen. Am Ende des Jahres hielt ein anomaler Aal, der gut schwimmen und etwas rennen, klettern und fliegen konnte, die Schlussansprache in zwei Sprachen.“ (Verfasser unbekannt)

Es ist uns wichtig, die individuellen Bildungswege der Kinder anzuerkennen und Lust am Lernen zu wecken. Wir wollen das Lerntempo respektieren und die Stärken des Einzelnen fördern. Es kommt uns darauf an, Kinder gut kennen zu lernen und möchten wissen, was das einzelne Kind interessiert, was es kann, was es ängstigt und womit es zu begeistern ist. Nur dann können wir unser Angebot derart gestalten, dass sich jedes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend weiterentwickeln kann.

Wir wissen:

  1. Bildung ist Selbstbildung, ein eigenaktiver Prozess, der geeignete Begleitpersonen, Herausforderung und Unterstützung und ein anregendes Umfeld benötigt, um zu gelingen.
  2. Bildung braucht stabile Beziehungen und ist abhängig von der Kultur, in der Kinder aufwachsen.
  3. Bildung ist Lernen im ganzheitlichen Zusammenhang: Denken, Handeln, Fühlen, Individualität und Gemeinschaft sind untrennbar miteinander verknüpft.
  4. Bildung ist vielfältig und geschieht immer im Zusammenspiel von Kognition, Wahrnehmung, Emotion und Tätigkeit.

Erzieherinnen lernen mit und von Kindern, wenn sie sich dafür interessieren, was Kinder bewegt. Die Fragen, warum zum Beispiel Eis immer kalt ist oder wie viele Entenarten es gibt, sind wichtig und brauchen eine befriedigende Antwort. Das Gespräch darüber mit allen denkbaren Abweichungen und Sekundärfragen ist von noch größerer Bedeutung: Es erfordert eine frage- und fehlerfreundliche Atmosphäre im Kindergarten. Es geht weniger darum, alles zu wissen und sinnvoll zu antworten, als vielmehr darum, gemeinsam mit Kindern zu klären, warum es gerade jetzt von zentralem Interesse ist und auf welche Weise wir Antworten herausfinden können. Es setzt voraus, dass neugierige Fachkräfte, die selbst Spaß am Lernen und Freude am Ausprobieren haben, Anregungen geben und Kinder „herausfordern“.

atelier1Wir erleben täglich, wie komplex die Lernerfahrungen unserer Kinder sind und berichten mit Freude darüber in Elterngesprächen. Dennoch haben wir den Eindruck, dass viele Begebenheiten „verloren“ gehen, wenn sie nicht aufgeschrieben oder auf andere Weise festgehalten werden. Kinder und Eltern müssen mehr über die Bewältigung von Lernprozessen erfahren. Kinder müssen Gelegenheit haben, zurückschauen zu dürfen und sich bewusst machen können, was sie schon „geschafft“ haben. Sie sollen Pläne machen dürfen und sich etwas vornehmen z.B.: morgen werde ich versuchen, mich selbst anzuziehen. Nächste Woche möchte ich das erste Mal allein nach Hause gehen. All dies ist es wert, notiert zu werden.

Deshalb führen wir gemeinsam mit Eltern und Kindern Bildungstagebücher, so genannte Portfolios, die Auskunft darüber geben, womit sich Kinder beschäftigen. Wir freuen uns darauf, dass Kinder voller Stolz in ihrem Portfolio blättern und ihre dokumentierten Fortschritte betrachten können. Fotos und kurze Textsequenzen, Erinnerungsstücke, Bilder und dazugehörige Erklärungen veranschaulichen, wie unglaubliche Schritte bewältigt werden und verdeutlichen, welche Leistungen Kinder tagtäglich vollbringen. Wir bitten Sie, das Portfolio Ihres Kindes mitzugestalten, es gehört Ihrem Kind und darf nur mit seiner Zustimmung anderen zugänglich gemacht werden. Am Ende der Kindergartenzeit überreichen wir Ihrem Kind ein reichhaltiges Buch zur Erinnerung an einen bedeutsamen Lebensabschnitt.